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Buchbesprechung: Herbert Haffner, His Master's Voice. Die Geschichte der Schallplatte. Berlin: Parth

Herbert Haffner, His Master's Voice. Die Geschichte der Schallplatte. Berlin: Parthas 2011.

http://www.herberthaffner.de/

Gleichermaßen detailreich und unterhaltsam erzählt der renommierte Kulturpublizist Herbert Haffner die Geschichte der Schallplatte, von ihren Vorläufermedien im 19. Jahrhundert bis hin zur CD und SACD. Gleich der Einstieg mit der Frühgeschichte der Tonaufzeichnung fesselt: Die Erzählung rund um Scotts Phon-Autographen, Cros' Parléophone und Edisons Phonographen im 19. Jahrhundert ist so lebendig, dass man die Atemlosigkeit des Wettstreits gewissermaßen mitdurchleben kann. Danach geht es mit unverminderter Drehzahl weiter: die erste Schallplatte dank Emile Berliner; ihre rasant zunehmende Verbreitung mit gleichzeitiger Industrialisierung der Produktion; die Gründerjahre, in denen nach und nach die legendären Namen wie Victor, Columbia, RCA, EMI, HMV, Electrola, Odéon, Decca und natürlich die Deutsche Grammophon auftauchen; die ersten 'Recording Artists' wie Caruso und Nikisch; die Ikone Nipper; das unermüdliche Ringen um Verbesserung von Klang, Spieldauer, Handhabung und Haltbarkeit durch immer neue Versuche zu Materialien, Durchmesser, Rillenbreite, Abtastsytem, Umdrehungszahl, Aufzeichnungsverfahren; die Instrumentalisierung von Tonaufzeichung und -verbreitung in den Weltkriegen und die Destruktion der deutschen Kulturlandschaft während der Nazi-Herrschaft; tonangebende Produzenten wie Legge und Schiller; einfalls- und einflussreiche künstlerische Taktgeber für technische Entwicklungen (nein, gar nicht so sehr Karajan, sondern vielmehr der von Klassikpuristen oft belächelte Leopold Stokowski); Magnetaufzeichnung, Vinyl-LP, Mikrophonierung, Stereophonie, Quadrophonie, Bildplatten, Compact-Cassetten, CD, MP3, ... - dies alles ist eindrucksvoll recherchiert, dabei aber so flüssig und packend geschrieben, dass man sich zwar umfassend informiert, aber dennoch nie von der Detailfülle zugedeckt fühlt.

Das Buch ist erkennbar aus der Perspektive des Klassikspezialisten geschrieben. Popularmusik (wenn ich das hier um der Kürze willen mal so nennen darf) taucht lediglich punktuell auf: Chuck Berry mit der letzten 78er, Elvis als Motor für die 45er, George Martin und Brian Wilson als Studiotüftler; 'Pearl', Abraxas', 'Dark side of the moon' als frühe Quadrophonie-Alben. Speziell der Jazzliebhaber hätte sich sicher zumindest etwas über Rudy van Gelders große Kunst der Aufnahmetechnik inkl. Mikrophonauswahl- und positionierung gewünscht. Sei's drum, das Buch ist eine rundum spannende Lektüre für alle, die alles über die faszinierende und wechselvolle Geschichte ihrer schwarzen oder silbernen Lieblinge wissen wollen.

A propos Geschichte: Herbert Haffners Schlusswort und Ausblick fallen mir zu düster aus, prognostiziert er doch das geradezu apokalyptische Ende opulenter Plattensammlungen und schön gestalteter Cover in der multimedialen Wegwerfgesellschaft, die LPs allenfalls noch für's Scratchen brauchen kann und will. Ich glaube (nun ja ... hoffe ...) das nicht. Mich stimmt zuversichtlich, wenn ich, wie kürzlich auf einer großen Schallplattenbörse erlebt, die Händler klagen höre, dass viel zu viel junges Publikum mit viel zu wenig Geld da sei. Sicher, die Raritäten für 1.500 Euro haben die nicht eingepackt, aber taschenweise preisgünstige LPs mit Musik, für die zumindest ich kaum Scratch-Tauglichkeit erkennen konnte. Und gestern Abend habe ich einen (sehr) jungen Mann kennengelernt, der mir von seinem gar nicht mal so kleinen Label für Trance Music berichtet hat, für das CDs und LPs geschäftsentscheidend sind, wichtiger als der digitale Download. Zwei Mal ist die Schallplatte schon totgesagt worden, als Opfer zunächst der CC, dann von MP3. Vielleicht hat sie ja doch sieben Leben? Solange Nipper nur wachsam bleibt ...

(mh 09.12.2011)

 

10.12.11 10:52
 


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